🚨 𝗘𝗦𝗞𝗔𝗟𝗔𝗧𝗜𝗢𝗡 𝗜𝗠 𝗧𝗔𝗕𝗕𝗦:

in #deutsch7 days ago

𝗠𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗙𝗥𝗘𝗨𝗡𝗗𝗜𝗡 𝗚𝗥Ü𝗡𝗗𝗘𝗧 „𝗪𝗜𝗗𝗘𝗥𝗦𝗘𝗧𝗭𝗘𝗡 𝗧𝗛Ü𝗥𝗜𝗡𝗚𝗘𝗡“ 𝗨𝗡𝗗 𝗪𝗜𝗟𝗟 𝗠𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗣𝗔𝗥𝗧𝗘𝗜𝗧𝗔𝗚 𝗩𝗘𝗥𝗛𝗜𝗡𝗗𝗘𝗥𝗡

Also, ihr glaubt einfach nicht, was hier schon wieder los ist. Wir sind gerade im TABBS in Bad Tabarz, wollten eigentlich nur ein paar ruhige Stunden verbringen, ein wenigecht ein Eis und eine Packung Pommes vernichten. Ein ganz normaler Tag also, wie ihn jeder Leistungssportler nach einem anstrengenden Weg von der Umkleidekabine bis zur Liege kennt.

Doch dann ist die politische Lage eskaliert. Ich hatte nämlich auf meinem außerordentlichen Einmann-Parteitag beschlossen, im Außenbecken schwimmen zu gehen. Der Parteitag war ordnungsgemäß einberufen, die Anwesenheitsliste vollständig und der Antrag wurde mit einer überwältigenden Mehrheit von einer Stimme bei keiner Gegenstimme angenommen. So viel Geschlossenheit bekommt heute kaum noch eine Partei hin. Das Wasser hatte tropische 21 Grad, also praktisch Karibik, wenn man die Karibik vorher für drei Tage in einen Kühlschrank stellt.

Meine Freundin erklärte jedoch plötzlich, sie werde diesen Beschluss nicht mittragen. Erst dachte ich, sie hätte nur keine Lust auf das kalte Wasser. Aber nein, wenige Sekunden später zog sie eine gelbe Warnweste an, von der ich bis heute nicht weiß, woher sie die hatte und wie sie diese an der Einlasskontrolle vorbeigeschmuggelt bekam. In der nächsten Sekunde entfaltete sie ein Transparent, auf dem in großen Buchstaben „WIDERSETZEN“ stand. Damit war klar: Sie hatte soeben die Aktionsgruppe „Widersetzen Thüringen, Ortsgruppe TABBS“ gegründet. Eine klassische Einpersonenbewegung, aber das muss ja nichts heißen. Auch große Katastrophen haben irgendwann einmal klein angefangen.

Sie stellte sich vor den Zugang zum Außenbecken und verkündete, mein Parteitag müsse verhindert werden. Meine geplante Schwimmbewegung sei eine Provokation, der Sprung ins Becken ein Angriff auf alle Menschen mit gesundem Temperaturempfinden und das Betreten des Außenbereiches ein klarer Schritt in Richtung Kältediktatur. Hinter ihr saßen auf einer Bank bereits mehrere ältere Badegäste. Meine Freundin erklärte sie kurzerhand zu Unterstützern ihrer Bewegung. Einer wartete allerdings nur auf seine Frau, ein anderer zog seine Badeschuhe an und eine ältere Dame schlief seit ungefähr zwanzig Minuten. Trotzdem meldete die Aktionsgruppe später offiziell 4.000 Teilnehmer. Der Bademeister kam bei seiner Zählung auf zweieinhalb, wobei vermutlich die gelbe Weste als halbe Person mitgerechnet wurde.

Ich hätte schwören können, dass einige ihrer vermeintlichen Anhänger genauso aussahen wie jene Gestalten, die ich kürzlich bei einer Pressekonferenz der gleichnamigen Gruppierung in Erfurt gesehen hatte. Dort war eine klare Antwort auf die Frage, ob man Angriffe auf Journalisten verurteilt, offenbar schwieriger als ein rückwärts ausgefüllter Antrag beim Finanzamt. Da machte ich mir natürlich sofort Sorgen um meine persönliche Pressefreiheit, vor allem aber um mein gerade gekauftes Eis und meine Packung Pommes. Ich erklärte deshalb das Eis vorsorglich zum akkreditierten Pressevertreter und die Pommes zu unabhängigen Wahlbeobachtern. Man weiß ja nie. Am Ende wird einem noch die Mayonnaise aus der Hand geschlagen, weil sie politisch nicht eindeutig genug Haltung gezeigt hat.

Meine Freundin berief nun ebenfalls eine Pressekonferenz ein. Anwesend waren sie selbst, die gelbe Weste, das Transparent und ich, weil sich sonst niemand dafür interessierte. Auf meine Frage, ob sie Gewalt gegen mein Eis ausschließen könne, verweigerte sie zunächst die Antwort. Stattdessen erklärte sie: „Kalorien mit Presseausweis bleiben trotzdem Kalorien.“ Das Eis begann unterdessen zu schmelzen, vermutlich aus Angst. Als ich nachfragte, ob wenigstens die Pommes sicher seien, erklärte sie die Pressekonferenz für beendet und forderte mich auf, keine provozierenden Fragen zu stellen. Demokratie ist eben eine feine Sache, solange keiner etwas fragt.

Dann begann die große Blockade. Meine Freundin setzte sich demonstrativ vor den Zugang zum Außenbecken. Nach ungefähr zwölf Sekunden stand sie wieder auf, weil die Fliesen zu kalt waren. Danach legte sie sich quer über eine Liege, womit aus „Widersetzen“ innerhalb kürzester Zeit „Wieder sitzen“ geworden war. Das Transparent stellte sie neben sich, die gelbe Weste blieb an, und sie verkündete, sie werde keinen Zentimeter weichen. Fünf Minuten später rückte sie mit der Liege in den Schatten, weil die Sonne blendete. Weitere drei Minuten später zog sie in Richtung Innenbecken um, weil dort die Luft wärmer war. Revolution ist schließlich wichtig, aber eine Erkältung muss nun auch nicht sein.

Ich ließ mich davon natürlich nicht einschüchtern. Der alte Mann aus dem tiefen dunklen Wald trat an den Beckenrand, sportlich gebaut, braun gebrannt und mit der eleganten Körperspannung eines nassen Kartoffelsacks. Zumindest auf den Bildern wird es später hoffentlich anders aussehen. Ich hob die Arme, spannte alles an, was sich in meinem Alter noch freiwillig anspannen lässt, und sprang mit einer Dynamik ins Wasser, bei der im Umkreis von fünf Metern mehrere Badegäste glaubten, das TABBS habe spontan eine Wellenanlage eröffnet. Das Wasser war tatsächlich 21 Grad warm. Also jedenfalls laut Anzeige. Mein Körper meldete eher minus vier, Windstärke acht und akute Eisbergwarnung.

Aber ich konnte jetzt nicht zurück. Schließlich beobachtete mich die gesamte Gegenbewegung, also meine Freundin, der schlafende Badegast und ein Kind mit einem aufblasbaren Krokodil. Ich schwamm los. Nach ungefähr vier Metern hatte ich das Gefühl, meine Lunge sei aus Protest aus der Partei ausgetreten. Nach acht Metern verabschiedeten sich meine Beine in die parlamentarische Sommerpause. Trotzdem hielt ich durch und erreichte die andere Beckenseite. Dort erklärte ich die Aktion sofort zum historischen Erfolg und verkündete, der Parteitag habe trotz massiver Blockade ordnungsgemäß stattgefunden.

Meine Freundin stand inzwischen am Beckenrand und hielt das Transparent hoch. Der Wind drehte es allerdings um, sodass man nur noch die Rückseite sah. Ein Bademeister fragte sie, ob das eine angemeldete Veranstaltung sei. Sie antwortete, Protest müsse nicht genehmigt werden. Er erklärte ihr daraufhin, dass ihn der Protest überhaupt nicht störe, aber das Transparent tropfe auf den Boden und stelle eine Rutschgefahr dar. Damit war die Revolution erstmals mit der deutschen Badeordnung konfrontiert. Gegen Paragraf 7 Absatz 3 der Hausordnung kommt selbst der entschlossenste Widerstand kaum an.

Es folgten Koalitionsverhandlungen. Ich bot meiner Freundin zunächst den Posten der stellvertretenden Parteivorsitzenden an. Sie lehnte ab. Dann bot ich ihr das Ministerium für warme Innenbecken und beheizte Sitzflächen an. Sie wurde nachdenklich. Als ich zusätzlich eine Portion Pommes, ein Eis und ein dauerhaftes Vetorecht gegen weitere Schwimmeinsätze unter 22 Grad in Aussicht stellte, begann ihre politische Haltung auffällig zu wackeln. Nach harten Verhandlungen einigten wir uns schließlich auf einen Koalitionsvertrag, den wir auf die Rückseite einer Serviette schrieben.

Darin wurde festgelegt: Ich darf weiterhin im Außenbecken schwimmen, muss aber vorher ankündigen, wie lange der Unsinn dauern soll. Meine Freundin muss nicht mitschwimmen, darf aber vom Beckenrand aus fachkundige Kommentare zu meiner Figur, meiner Schwimmtechnik und meinem allgemeinen Geisteszustand abgeben. Die Pommes werden gerecht geteilt, wobei „gerecht“ in ihrem Verständnis bedeutet, dass sie die knusprigen bekommt und ich den Rest. Das Eis bleibt grundsätzlich unantastbar, außer es gehört mir. Dann darf sie probieren, bis nur noch der Stiel übrig ist.

Damit war die Aktionsgruppe „Widersetzen Thüringen, Ortsgruppe TABBS“ nach nicht einmal einer Stunde schon wieder Geschichte. Meine Freundin legte die gelbe Weste ab, rollte das Transparent zusammen und trat meiner Partei bei. Nicht aus politischer Überzeugung, wie sie ausdrücklich betonte, sondern weil dort die Versorgungslage besser sei. Ich ernannte sie daraufhin zur Generalsekretärin, Finanzministerin und Beauftragten für die Überwachung meiner Essensbestände. Im Grunde also genau zu dem, was sie ohnehin seit Jahren ist.

Am Ende saßen wir gemeinsam auf der Liege, aßen Pommes und beobachteten das Außenbecken. Ich erklärte den Parteitag für beendet, sie erklärte ihren Widerstand für erfolgreich, weil sie selbst keinen Fuß ins kalte Wasser gesetzt hatte. Damit konnten beide Seiten einen Sieg verkünden, niemand musste sein Gesicht verlieren und das Eis wurde ebenfalls nicht zusammengeschlagen. So funktioniert Demokratie, wenn man sie vernünftig organisiert und ausreichend Mayonnaise bereitstellt.

Nun seid ihr gefragt: Hättet ihr euch meiner Partei angeschlossen und wärt bei tropischen 21 Grad ins Außenbecken gesprungen, oder hättet ihr euch mit gelber Weste und Transparent meiner Freundin angeschlossen? Aber überlegt euch die Antwort gut. Die nächste Pressekonferenz findet direkt an der Pommesbude statt, und dort werden kritische Fragen nur beantwortet, solange noch Ketchup vorhanden ist.

#lifestyle #Satire #BadTabarz #Widersetzen


Veröffentlicht mit Welako

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